Der im vergangenen Jahr mit 310 Teilnehmern aufgestellte Teilnehmerrekord konnte bei der 23. Auflage mit 348 in den vier Turnieren innerhalb des Erfurter Schachfestivals teilnehmenden Schachfreunden erneut geknackt werden. Traditioneller Spielort war das Radisson Blu Hotel, welches neben dem bekannt guten Ambiente auch wieder den herrlichen Ausblick über die Dächer Erfurts bis hin zum Thüringer Wald und in das Thüringer Becken bot.
Meisterturnier
Zum Meisterturnier (Mindest‐ELO/DWZ von 1900) hatten sich 110 Spieler eingefunden ‐ darunter 28 Titelträger, von denen wiederum sechs den Titel eines Großmeisters führten. Spannung pur war von Anfang an garantiert – denn es standen bereits ab der ersten Runde Titelträger‐Duelle auf dem Programm. So bekam es der Vorjahresdritte GM Sergey Kasparov (Nummer zwei der Setzliste) mit dem Sieger der 2008er Auflage, FM Gottfried Schumacher (HTC Bad Neuenahr), zu tun. Diese Partie endete ebenso mit einem Remis, wie die am Nachbarbrett des Australiers und Setzlistenersten GM David Smerdon gegen Jürgen Schulte (SC 1911 Großröhrsdorf). Die Titelträger GM Sergey Kalinitschew (SC Kreuzberg) gegen den Armenier Vardan Hovsepyan und IM Joachim Brüggemann (Erfurter SK) gegen Hans‐Peter Röttig (SC Viernheim) gingen hingegen komplett leer aus. Alleine 19 Begegnungen endeten in der Auftaktrunde „nicht setzlistenkonform“. Das Favoritensterben fand in den Folgerunden seine Fortführung. In der zweiten Runde musste der Vorjahresvize, GM Pawel Jaracz, den kurzzeitigen „Platz an der Sonne“ am ersten Brett nach einem Unentschieden gegen den Jenaer Tobias Hellwig wieder verlassen. Aber auch der Nummer vier der Startrangliste, IM Ilja Schneider (Sfrd. Berlin), brachte die Favoritenrolle an Brett eins gegen seinen Titelträger‐Kollegen IM Leonid Sobolevsky (SZ Gera‐Langenberg) in der dritten Runde kein Glück, indem er eine gewinnträchtige Stellung nicht in den vollen Punkt ummünzen konnte. So blieben nach Runde drei mit IM Rüdiger Seger (SG Trier) und „IM in spe“ Dennes Abel (Sfrd. Berlin) nur noch zwei Spieler mit weißer Weste übrig. Und nach der vierten Runde lieferte die Frage nach Mister 100 % bereits eine Fehlanzeige. DIE entscheidende Partie um den mit 1.023 € dotierten Turniersieg lieferte die sechste Runde, in der sich mit IM Michael Richter (SK König Tegel) und IM Nikolas Lubbe (Sfr. Neuberg) die beiden mit einem halben Punkt Vorsprung Führenden am bisher friedvollen Spitzenbrett einfanden. Lubbe ging in dieser Partie aufs Ganze und beschied die Richter´sche Remisofferte abschlägig. Als Sieger ging indes der Berliner hervor, der nunmehr über einen komfortablen Vorsprung von einem ganzen Zähler verfügte. Diese Führung ließ er sich in den beiden Schlussrunden nicht mehr streitig machen, sodass er nach acht Runden mit 6,5 Punkten den ungeteilten Sieg davon trug. Die Podiumsplätze wurden durch Abel und Lubbe komplettiert – die ersten Großmeister folgten mit Jaracz, Kalinitschew und Jakob Meister (SK Zehlendorf) auf den Plätzen vier bis sechs. In die weiteren Hauptpreisränge kamen IM Seger und mit IM Cliff Wichmann (Nickelhütte Aue) ein aktueller Wiederaufsteiger in die erste Bundesliga. Den Frauenpreis sicherte sich Elena Levushkina (SC Garching), bester Senior wurde Hans Werner Ackermann (Hansa Dortmund) und bester Jugendlicher Karsten Hansch (AE Magdeburg).
Hauptturnier
140 Spieler/‐innen nahmen im Hauptturnier (DWZ < 2000) den Wettkampf auf. Nicht mehr mit dabei war der Sieger der letzten beiden Jahre, Thomas Nowak (Grün‐Weiß Leipzig), denseine DWZ ins Meisterturnier katapultierte. Wie im Meisterturnier ging es auch hier von Anfang an in die Vollen. Nach vier Runden verfügte mit dem Setzlisten‐34. Simon Langer (SK Klingenberg/Main) nur noch ein Spieler über die volle Punktzahl. Musste er sich diese Führung nach einem Remis in Runde fünf gegen den Voranmeldeschnellsten Klaus Muuss (VSF Flintbek) mit Vinzent Spitzl (SC Ladja Roßdorf) teilen, gab er diese nach einer Niederlage im direkten Duell an diesen gänzlich ab. Spitzl wiederum verteidigte den Vorsprung von einem halben Punkt bis zum letzten Durchgang. Die Schlussrunde war von der „Angst des Schützen vorm Elfmeter“ geprägt – so gab es an den ersten zehn Tischen nur magere zwei entschiedene Partien. Deren Sieger wurden durch ihren Kampfgeist belohnt: Zum einen der Eisenacher Viatcheslav Minor, der sich nach seinem Erfolg in 2009 erneut in die Siegerliste eintragen konnte; zum anderen der Hellertaler Wolfgang Petri, der hinter Spitzl den letzten Platz auf dem Treppchen ergattern konnte. Alle drei erzielten 6,5 von 8 möglichen Punkten. Auf den weiteren Plätzen folgten mit je 6 Punkten Bernd Salewski (Grün‐Weiß Dresden), Klaus Muuss und der Jenenser Isaak Wolf. Beste Frau wurde Yeva Kasparova (Minsk), bester Senior Bernd‐Michael Werner (SK Lauffen) und bester Jugendlicher Simon Langer. Simon verspielte in der Vorschlussrunde in einer tragischen Partie die Chance auf die ganz großen Bleikristall‐Trophäen, gewann allerdings damit die Konkurrenz um die beinahe genauso beliebte, letzte verbliebene Pechvogel‐Figur.
Amateurturnier
Zum Amateurturnier (DWZ < 1600) waren 74 Teilnehmer gekommen. 33 Jugendliche, 18 Senioren sowie 19 Teilnehmerinnen machten das Feld bunt. Klaus Künitz aus Erfurts Partnerstadt Mainz verfügte nach sechs von sieben Runden noch über eine blütenweiße Weste. Diese tauschte er in der Schlussrunde mit einem Remis gegen seinen hartnäckigsten Verfolger Sören Peters (USV Erfurt) in die Trophäe für den Sieger ein. Hinter Peters (6 Punkte) erklomm mit einem weiteren halben Punkt Abstand Sergej Schmidt (Traktor Priestewitz) den letzten Podiumsplatz. Auf dem vierten Rang folgte mit ebenfalls 5,5 Punkten Marianne Hartlaub vom SK Klingenberg/Main. Mit 87 Jahren ein absolut beeindruckendes Ergebnis. Leider hat ihr GM Vlastimil Hort erst im vergangenen Jahr das Geheimnis des Schachs verraten („… einfach nachdenken“). Frauen‐ sowie Seniorenpreis gingen an Spieler des USV Erfurt: an Birgit Bartl sowie an den Vorjahressieger Ivica Braskin. Bester Jugendlicher wurde Moritz Ruhl vom SV Anderssen Arolsen. Mit Momchil Kosev vom Erfurter SK erreichte der mit acht Jahren jüngste Teilnehmer 5 Punkte und Platz 11. Mehr als ¾ entschiedener Partien bedeuteten ein extrem kämpferisches Turnier.
Seniorenturnier
24 Teilnehmer verzeichnete das mit der Sprintdistanz von fünf Runden ausgestattete separate Seniorenturnier (Jahrgang 1953 und älter). Auch hier wurde sich bei einer Remisquote von weniger als 25 % von Anfang an nichts geschenkt. Der Chemnitzer Ulrich Wünsch war von Anfang an in der Spitzengruppe zu finden: musste er sich die Führung noch bis zur dritten Runde teilen, hatte er sie ab da alleine inne. Das erste Remis gab er in der Schlussrunde gegen seinen unmittelbaren Konkurrenten Günter Haag (TSG Mutterstadt) ab. Hinter Haag folgten mit ebenfalls 4 Punkten Rainer Siegmund (Dresden‐Striesen) auf dem Bronzerang vor Dr. Frithjof Wahl vom Godesberger SK. Beste Frau wurde Barbara Jacob aus Ochtrup.
Rahmenprogramm‐Turniere
Beim Würfelblitzturnier mit 28 Teilnehmern wurde die Startrangliste nach sieben Runden programmgemäß ordentlich durcheinandergewürfelt, sodass sich einige Titelträger auf für sie ungewohnten Plätzen wiederfanden. Die A‐Gruppe gewann Dennes Abel durch einen Sieg im direkten Duell gegen GM Kasparov. Zwischen beide schob sich der Merseburger Jörg Hettstedt auf Platz zwei. Die Konkurrenz in der B‐Gruppe konnte Marco Geißhirt (SG Barchfeld/Breitungen) vor Julian Shen (SK Rothenburg) und Sivio Hübner (SV Königsbrück) für sich entscheiden. Der Anstieg der Teilnehmerzahlen bei den Rahmenprogrammaktivitäten „nach Feierabend“ resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, dass besonders die Kartenturniere einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Trifft doch hier eine große Bandbreite an Spielkultur aufeinander. Beim Skatturnier hat sich unter 19 Skatfreunden auch eine Skatfreundin eingefunden. In der „ureigensten Männerdomäne“ gab die Leipzigerin Katja Weber allen Männern das Nachsehen. Sie gewann vor ihrem Vereinskollegen Alexander Bohne sowie Ralf Heinrichs aus Rheydt. Den Spießrutenlauf um die Preise im Doppelkopfturnier nahmen 16 Enthusiasten auf sich. Da mit den vom Turnierdirektor festgelegten Regeln selbiger am besten klar kam, ergab sich folgender Einlauf: Daniel Wanzek vor Jens Wölfing (Stadtilm) und Cliff Wichmann. Beobachter der Szenerie konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich manch Kartenspieler von vornherein auf die Kristallschnecken für den „Besten von
hinten“ spezialisiert hatte.
Ein paar Worte zum Schluss
1.296 Partien sind in den vier Turnieren innerhalb des 23. Erfurter Schachfestivals während der fünf Tage gespielt worden – in entspannter und freundschaftlicher Atmosphäre. Das umsichtige Amtieren der Schiedsrichter hat seinen Beitrag dafür geleistet. Recht herzlichen Dank für das faire Miteinander! Neben den 36 Geldpreisen (plus 12 Geldpreise beim Rahmenprogramm) standen weitere Sachpreise für mehr als die Hälfte aller Teilnehmer zur Verfügung. Die Plätze 1‐3 in jedem Turnier konnten zusätzlich wertvolle Bleikristalltrophäen mit nach Hause nehmen. Sonderpreise wurden in Form kleiner Designer‐Tischuhren zu jeder Runde in jedem Turnier verlost. Alle Jugendlichen wurden mit einem Schach‐Kalender bedacht. Jeder Teilnehmer erhielt (eine rechtzeitige Meldung vorausgesetzt) einen personifizierten Kugelschreiber – was die Verteilung derselben bedeutet, davon konnte das Orga‐Team ein Lied singen... Deshalb möchte ich an dieser Stelle dem gesamten Team meinen besonderen Dank aussprechen! Der EuroChess‐Verkaufsstand präsentierte eine umfangreiche Sammlung an Schachliteratur sowie –software und war dementsprechend gut frequentiert. Das Hotel bot einen preiswerten Lunch speziell für uns Schachspieler. Einzig die Kaffeeautomaten waren dem Ansturm zeitweise nicht mehr gewachsen – was Verbesserungspotential für 2014 bietet. Wie gewohnt berichtete neben den Tageszeitungen Thüringer Allgemeine und Thüringer Landeszeitung auch das MDR Fernsehen vom Turnier. Das gestiegene Medieninteresse dokumentierte der diesjährige Besuch eines Teams der
BILD‐Zeitung. Mit einer gemeinsamen Siegerehrung für alle Turniere wurde das 23. Erfurter Schachfestival im Beisein des General Managers Lutwin Wehr beendet und zugleich die Einladung für die 24. Auflage vom 26.‐30. Dezember 2014 ausgesprochen. Dafür stellt Herr Wehr sein Haus gerne wieder als Wohlfühladresse zur Verfügung.